SolaX Binary Series BRY-A22D7: Bidirektionales Laden über die V2L-Schnittstelle
von Oliver Reichhart
Wie SolaX mit der neuen Smart AC EV Charger-Serie einen dritten Weg neben DC- und AC-bidirektionalen Wallboxen einschlägt
SolaX hat die Binary Series Smart AC EV Charger BRY-A22D7 im Juni 2026 auf der Intersolar Europe in München vorgestellt. Die Wallbox verfolgt einen ungewöhnlichen Ansatz: Statt wie die meisten bidirektionalen Systeme auf DC-Entladung über den CCS-Stecker oder auf das noch junge AC-BiDi-Protokoll über den Typ-2-Anschluss zu setzen, nutzt sie die V2L-Steckdose (Vehicle-to-Load), die viele moderne E-Autos ohnehin schon eingebaut haben. Dadurch entfällt die Notwendigkeit einer herstellerseitigen Freigabe für bidirektionales Laden – und macht die Technik für deutlich mehr Fahrzeuge nutzbar, als es die etablierten Systeme heute können.
Wann kommt die Binary Series auf den Markt?
Ein festes Verkaufsdatum hat SolaX bislang nicht genannt. In der offiziellen Pressemitteilung ist von einer Markteinführung „im Laufe des Jahres 2026“ die Rede. Auffällig: In keiner der gängigen deutschsprachigen Wallbox-Marktübersichten (Stand Juni 2026) taucht das Produkt bislang auf – ein klares Indiz, dass es sich noch in der Zertifizierungs- oder Serienvorbereitung befindet.
Der entscheidende Faktor für den Marktstart in Deutschland ist die „BiDi-Certified“-Zertifizierung, die die Konformität mit den technischen Anschlussbedingungen von VDE und Netzbetreibern sicherstellt. SolaX hat sich dazu öffentlich noch nicht geäußert. Da die Binary Series eine neuartige V2L-basierte Architektur nutzt, könnte die Prüfung – etwa bei Netztrennung, Notstromumschaltung und Kommunikationsprotokollen – zusätzliche Schritte erfordern. Realistisch erscheint eine Markteinführung im dritten oder vierten Quartal 2026, sofern die Zertifizierung zügig abgeschlossen wird.
Die Technik: AC-Laden, DC-Entladen über die V2L-Schnittstelle
Das Kernprinzip der Binary Series: Laden und Entladen laufen über getrennte Pfade. Geladen wird ganz normal per AC über den Typ-2-Stecker. Entladen wird über die V2L-Steckdose des Fahrzeugs (230 V AC, bei vielen aktuellen Modellen wie Hyundai, Kia, BYD oder MG bereits vorhanden) – die Wallbox wandelt diese Wechselspannung selbst in geregelten Gleichstrom um (400 V DC, 17,5 A, ausgelegt bis 7 kW) und speist ihn direkt in einen kompatiblen SolaX-Hybridwechselrichter ein. Der Wechselrichter übernimmt dann die eigentliche Einspeisung ins Hausnetz.
Der Kostenvorteil gegenüber klassischen bidirektionalen Systemen liegt also nicht darin, dass die Wallbox ganz ohne Umwandlungselektronik auskäme, sondern darin, dass sie selbst keinen vollständigen, netzbildenden bidirektionalen Wechselrichter braucht – diese Aufgabe übernimmt der ohnehin vorhandene SolaX-Hybridwechselrichter. Zusätzlich entfällt die sonst nötige herstellerseitige Freigabe für bidirektionales Laden, weil V2L eine längst etablierte, unabhängige Fahrzeugfunktion ist.
Wichtigste technische Eckdaten:
- Laden: einstellbar von 1,4 kW bis 22 kW (AC, Typ-2-Stecker)
- Entladen: DC-Ausgang bis 400 V / 17,5 A, ausgelegt bis 7 kW – real meist begrenzt durch die V2L-Leistung des jeweiligen Fahrzeugs (aktuell oft rund 3,6 kW bei gängigen V2L-Modellen)
- Systemintegration: kompatibel mit SolaX-Hybridwechselrichtern der Serien X1 VAST und X3 G4 Pro (X3 Ultra in Planung) sowie stationärem Speicher zu einer V2X-Gesamtlösung
- Installationsflexibilität: bis zu 50 Meter Abstand zwischen Ladegerät und Wechselrichter möglich
- Sicherheit: integrierter Ableitstromschutz, dynamisches Lastmanagement, ISO-Isolationsprüfung am V2L-Adapterkabel, Schwarzstartfähigkeit bei Netzausfall
- Konnektivität: WiFi, Ethernet, CAN, DI, RS485; RFID-Fahrzeugverwaltung, zeitgesteuerte Lade-/Entladepläne, automatische Phasenumschaltung für Null-Einspeisung
Im Vergleich: DC-bidirektional, AC-bidirektional und V2L
Am Markt haben sich bisher zwei Technologiepfade etabliert. DC-bidirektionale Wallboxen (z. B. Wallbox Quasar 2, E3/DC EDISON, dcbel r16) entladen über den CCS-Stecker direkt aus der Fahrzeugbatterie und benötigen dafür eine herstellerseitige Freigabe für bidirektionales DC-Laden sowie einen eigenen vollwertigen bidirektionalen Wechselrichter in der Wallbox – mit hohem Hardwareaufwand und Preisen meist zwischen 4.900 und 7.000 Euro zzgl. Installation. AC-bidirektionale Wallboxen (Typ-2, z. B. Mobilize PowerBox Verso) kommen günstiger, benötigen aber ein Fahrzeug mit aktiver AC-BiDi-Freigabe – aktuell nur sehr wenige Modelle.
Die Binary Series positioniert sich als dritter Weg dazwischen:
| Merkmal | DC-bidirektional (CCS) | AC-bidirektional (Typ-2) | SolaX Binary Series (V2L) |
|---|---|---|---|
| Fahrzeugvoraussetzung | CCS mit bidirektionaler DC-Freigabe | Typ-2 mit AC-BiDi-Freigabe | V2L-Funktion (230-V-Steckdose, keine Freigabe nötig) |
| Hardwareaufwand | Hoch (eigener bidirektionaler Wechselrichter in der Wallbox) | Gering, spezielle Ladeelektronik | AC/DC-Wandler in der Wallbox, aber kein eigener bidirektionaler Wechselrichter nötig |
| Entladeleistung | Meist 11 kW und mehr | Herstellerabhängig | DC-Ausgang bis 7 kW ausgelegt, real meist ca. 3,6 kW (V2L-Limit des Fahrzeugs) |
| Installationsflexibilität | Meist kurze Distanzen | Ähnlich AC-Wallboxen | Bis 50 m Abstand zum Wechselrichter |
| Preisniveau | 4.900–7.000 € zzgl. Installation | Günstiger, konkrete Preise noch selten | Voraussichtlich niedriger (kein eigener bidirektionaler Wechselrichter) |
| Zertifizierung | BiDi-Certified erforderlich | BiDi-Certified erforderlich | Noch nicht bekannt |
Warum die Binary Series für viele Haushalte interessant sein könnte
Der Verzicht auf einen eigenen vollwertigen bidirektionalen Wechselrichter in der Wallbox ist der größte Kostenvorteil: Schätzungen gehen von einem möglichen Einstiegspreis im Bereich von 2.000 bis 3.000 Euro aus – deutlich unter dem, was DC-bidirektionale Systeme kosten. In Kombination mit der KfW-Förderung 442 (bis zu 1.200 Euro für bidirektionale Systeme, sofern die Binary Series die Förderkriterien erfüllt) könnte sich die Amortisation für Haushalte mit PV-Anlage und V2L-Fahrzeug deutlich verkürzen.
Noch wichtiger ist der Fahrzeugkompatibilitäts-Vorteil: V2L ist heute schon serienmäßig bei vielen Hyundai-, Kia-, BYD- und MG-Modellen verbaut, während DC- oder AC-bidirektionale Freigaben nach wie vor die Ausnahme sind. Die Binary Series erschließt damit einen großen Bestand an Fahrzeugen, die bisher gar nicht für Vehicle-to-Home genutzt werden konnten.
Die Grenzen sind ebenso klar zu benennen: Real limitiert meist die V2L-Leistung des Fahrzeugs (aktuell oft rund 3,6 kW) die tatsächlich nutzbare Entladeleistung – für Haushalte, die ihr Fahrzeug als alleinigen Notstromspeicher mit hoher Last nutzen wollen, reicht das oft nicht. Hier bleiben DC-Systeme mit 11 kW und mehr im Vorteil, auch wenn die Wallbox selbst DC-seitig bis 7 kW ausgelegt ist – sollten künftige Fahrzeuge höhere V2L-Leistungen bieten, könnte die Binary Series davon profitieren, ohne dass die Wallbox-Hardware ausgetauscht werden müsste. Zudem ist die Binary Series eng an das SolaX-Ökosystem gebunden; eine Nutzung mit Fremdwechselrichtern ist nicht vorgesehen. Und solange die BiDi-Certified-Zertifizierung sowie die Förderfähigkeit nicht final geklärt sind, bleibt der genaue Marktstart in Deutschland offen.
Fazit
Die SolaX Binary Series BRY-A22D7 ist keine direkte Konkurrenz zu CCS- oder Typ-2-basierten V2H/V2G-Systemen, sondern eine eigenständige, ergänzende Lösung: kostengünstiger, einfacher zu installieren und sofort mit deutlich mehr Fahrzeugen nutzbar – dafür mit begrenzterer real nutzbarer Entladeleistung und fester Bindung an das SolaX-Ökosystem. Für Haushalte mit SolaX-Hybridwechselrichter und einem V2L-fähigen E-Auto könnte sie der einfachste Einstieg in bidirektionales Laden werden, sobald Zertifizierung und Markteinführung abgeschlossen sind.
Stand: Juli 2026. Da die BiDi-Certified-Zertifizierung und der genaue Marktstart noch ausstehen, können sich einzelne Angaben (Preis, Verfügbarkeit, Förderfähigkeit) noch ändern.
Quellen: SolaX Power (Pressemitteilung Intersolar Europe 2026, Produktseite Binary Series), Green Building Africa.